Interview für Heyne 08/25
Liebe Frau Krause, Sie sind eine der bekanntesten deutschsprachigen Kinderbuchautorinnen und -illustratorinnen. Nun veröffentlichen Sie ein Buch für Erwachsene, was war Ihr Motiv, diesen Roman zu schreiben?
Es gibt Bücher, da weiß man einfach, dass man sie schreiben muss, und so war es für mich bei „Wiedersehen in Rajasthan. Ich habe als Kind, aus einem für die Zeit sehr typischen deutschem Elternhaus stammend, vier Jahre in Indien gelebt. Zwei Kulturen sind sich dort begegnet, und beide haben mich geprägt.
Eine der beiden Hauptfiguren, Gesa, hat im Laufe der Jahre gelernt, Lebensumstände zu akzeptieren, egal wie schwer sie sein mögen. Das ist ein Grundsatz, der in der indischen Kultur tief verankert ist. Durch die innere Freiheit, die mit dieser Akzeptanz einhergeht, kann sie annehmen, was sie vom Leben geschenkt bekommt und was nicht. An wen richtet sich diese Botschaft?
Diese Akzeptanz ist, wie Sie sagen, tief im indischen Kulturkreis verankert. Unsere westliche Kultur ist eher davon geprägt, dass wir selbst unser Glückes Schmied sind, also lernen wir zu handeln und zu kämpfen, um etwas zu erreichen. Doch was passiert, wenn man scheitert oder die Umstände so sind, dass man seine Ziele und Wünsche nicht erreicht? Man wird unglücklich, verurteilt sich selbst oder andere fürs Misslingen, für falsche Entscheidungen. Einige bleiben in diesen Gefühlen stecken, verbittern und hadern mit der Welt.
Und genau hier kommt die Akzeptanz ins Spiel. Es gilt anzunehmen, dass es Dinge im Leben gibt, die man nicht ändern kann, und es gilt, seinen Frieden damit zu schließen. Erst mit dieser Haltung kann sich der Blick für neue Möglichkeiten öffnen, ergeben sich neue Freiheiten. Ich denke, das betrifft fast jeden, denn die wenigsten segeln ohne Schmerz- und Verlusterfahrungen durchs Leben. Wenn man akzeptiert, was ist, kann man anfangen, sich zu verändern.
In dem Zusammenhang fällt mir ein altes Urdu Lied ein, in dem es heißt: Unser Leben ist uns geschenkt worden, es ist ein Gewand, das wir für eine Weile tragen und mit dem wir sorgfältig umgehen sollten, weil wir es eines Tages wieder abgeben werden. In einer Kernszene des Romans, als Gesa der Göttin Kali im Tempel begegnet, geht es übrigens auch darum, dass wir im Angesicht des Todes an die Schönheit des Lebens erinnert werden. Natürlich schafft man das im Alltag nicht immer, aber es ist ein Gedanke, den man im Hinterkopf behalten kann.
Gesa traut sich bereits in den 1930er Jahren, nach Indien auszuwandern. Heute ist es selbstverständlich zu reisen, für Ausbildung und Beruf auch ins Ausland zu gehen und neue Welten kennenzulernen. Hat unsere Gesellschaft von diesen Möglichkeiten profitiert?
Ich glaube schon. Es fördert die Neugier und macht weltoffener und toleranter dem anderen gegenüber. Wer sich auf das Fremde einlässt, lernt unterschiedlichste Lebensentwürfe kennen, unterschiedliche Herangehensweisen, das Leben mit Sinn zu erfüllen. Und das ist sehr bereichernd.
Apropos neue Welten – die Länder, in denen ich aufwuchs, waren sogenannte „Wir“-Gesellschaften, was heißt, dass die Gemeinschaft, die Familie wichtiger als das Individuum ist. Der Westen ist eher eine „Ich“-Gesellschaft, wo es vor allem anderen um die Ausschöpfung des eigenen Potentials geht. Natürlich ist jede Gesellschaft weder nur das eine noch das andere. Es gibt aber Gewichtungen in die eine oder in die andere Richtung und sicherlich ist eine gute Mischung das Ideal.
Folgende Geschichte aus dem Afrikanischen Kontinent, der ja auch überwiegend aus „Wir“-Gesellschaften besteht, illustriert diese zwei Sichtweisen ganz schön: Ein Anthropologe wollte zu seinem Abschied für die Kinder des Dorfes in dem er forschte ein kleines Wettrennen veranstalten. Also hängte er eine Tüte mit Süßigkeiten an einen Baum. Wer zuerst an der Tüte sei, dem gehöre sie, sagte er. Was also machten die Kinder? Sie fassten sich an den Händen und liefen gemeinsam zur Tüte. Das war für den Anthropologen natürlich eine Schlüsselszene.
Sie kennen die indische Kultur und Geschichte sehr gut, auch die Schattenseiten. Wie haben Ihre persönlichen Erfahrungen in Indien und anderen fernen Ländern Ihr weiteres Leben beeinflusst?
Um an die vorherige Geschichte kurz anzuknüpfen: Meinen größten Kulturschock hatte ich, als ich mit vierzehn nach Deutschland zurückkam. Aus einer „Wir“-Gesellschaft kommend (in denen ich für insgesamt acht Jahre hauptsächlich gelebt hatte) verstand ich vieles nicht und empfand das Leben hier zwar als sehr aufgeräumt und hübsch anzusehen, aber auch als kalt und schnell be- und verurteilend. Das kannte ich so nicht.
Zum ersten Mal hörte ich in meiner Berliner Schule den Begriff „Streber“. In den Ländern, in denen ich bis dahin gelebt hatte war es sehr ehrenhaft, eine gute Schülerin zu sein. Zugleich fehlte mir das Gemeinschaftsgefühl, das ich aus meiner Schule in Indien kannte, die freundliche Zugewandtheit, die ich dort als Kind erfahren hatte und die nicht nur mir als Ausländerin galt, sondern für alle selbstverständlich war. Insofern bin ich sehr dankbar, dass ich andere Lebensentwürfe früh kennenlernen durfte. Aber auch die indische Gesellschaft hat sich seit damals gewandelt, ist westlicher geworden.
Und noch etwas habe ich aus dieser Zeit mitgenommen: Ich muss mich vor dem Fremden nicht fürchten. Wenn ich jetzt, als Erwachsene, gefragt werde, ob ich im Sudan, in Nigeria oder im Libanon über das Goethe-Institut einen Workshop für Autoren oder Illustratoren machen oder aus meinen Büchern lesen könnte, sage ich immer sofort zu, weil ich weiß, dass – jede dieser Erfahrungen eine Bereicherung für mich ist.
Ich denke, ich habe recht früh begriffen, dass wir alle miteinander verbunden sind, und dass es überall die Guten und die weniger Guten gibt, die Gierigen und die Großzügigen sowie alle Schattierungen dazwischen. Angst, Vorurteile, Gefühle der Überlegenheit und religiöse und politische Glaubenssätze stehen den Menschen oft unnötig im Weg. Das sieht man ja leider auch bei uns in Deutschland, das mir umso unverständlicher ist, als wir eines der wohlhabendsten Länder der Welt sind und wir uns also eine gewisse Großzügigkeit leisten könnten. Damit meine ich nicht unbedingt eine materielle, sondern eine geistige Großzügigkeit. Ich habe von klein auf viele Menschen gesehen, die in tiefster Armut lebten und ihre Freundlichkeit und Würde dabei nicht verloren haben. Und ich habe von ihnen das Improvisieren gelernt, und dass man gar nicht so viel braucht, um zufrieden zu sein. Ich glaube, daraus ist meine Kreativität entstanden. Bis heute sind mir mit Plastikmüll gefüllte Kinderzimmer und überfüllte Kleiderschränke zutiefst fremd – dieses: zuviel von allem.
Im Rückblick würde ich sagen, dass ich mich in Indien und den USA, wo ich auch länger gelebt habe und wo mein Sohn derzeit lebt, genauso Zuhause fühle wie in Berlin, und das ist sehr schön. Vielleicht sollte ich hinzufügen, dass die Sprache beim Heimatgefühl auch eine wichtige Rolle spielt, und in den USA freue ich mich immer diebisch, wenn ich gefragt werde, ob ich von der Ostküste oder dem Mittleren Westen komme.
Haben Sie Ereignisse oder Vorkommnisse aus Ihrer Zeit in Indien in den Roman eingearbeitet bzw. gibt es eine Szene, die Ihnen besonders am Herzen liegt?
Da gibt es tatsächlich viele. Eine Szene, die ich besonders mag, ist die, in der Gesa den Tempel aus der GuptaZeit im Dschungel entdeckt.
In meiner Kindheit hatten Freunde meiner Eltern zweitausend Jahre alte Ornamente von diesen Ruinen in ihrem Garten aufgestellt. Ich war schon damals über den Umgang mit diesen Kostbarkeiten schockiert, und auch das ist in den Roman eingeflossen. Was ich in der Szene aber vor allem einfangen wollte, ist das Mystische, das das Leben in Indien durchtränkt. Der Umgang mit Zeit zum Beispiel: Bei uns ist sie linear, mit Anfang und Ende, dort ist sie zirkulär. Wiedergeburt bedeutet, dass man im ewigen Kreislauf lebt, auch die Geister der Ahnen sind unter uns, alles ist also irgendwie Teil eines großen Ganzen, und gefühlt hat man dadurch einfach mehr Lebenszeit, was wiederum zu größerer Gelassenheit führt. Wenn also etwas in diesem Leben nicht in Erfüllung geht, dann eben im nächsten. Das spiegelt sich auch in der Sprache wider, wo der Begriff Kal sowohl Morgen als auch Gestern bedeutet. Das gilt genauso für das Wort Übermorgen oder Vorgestern.
Worin liegen für Sie als Autorin die größten Unterschiede, einen Roman oder ein Kinderbuch zu schreiben?
Es gibt bestimmte Themen, die im Kinderbuch ausgespart sind – Sex und Gewalt zum Beispiel. Man sollte für Kinder auch mehr auf den Punkt schreiben, ohne allzu lange Beschreibungen – Kinder lieben Spannung und Humor, und natürlich sollte es möglichst ein Happy End geben.
Haben Sie als Kinderbuchautorin einen intensiveren Blick auf das Verhältnis von Kindern und Eltern, auch in Bezug darauf, wie es sich über die Generationen verändert hat?
Ich denke schon. Ich beobachte die gesellschaftlichen Veränderungen an den Grundschulen, wenn ich dort vorlese und mit den Lehrern und Lehrerinnen spreche, die mir meine Eindrücke bestätigen. Die größte Veränderung unserer Zeit hat mit der Nutzung der Digitalen Medien zu tun, denn nicht nur die Kinder, auch die Eltern sind suchtgefährdet, und das ist insgesamt eine problematische Entwicklung.
Aber wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, würde ich sagen, dass die heutige Elterngeneration zugewandter ist und auf die Bedürfnisse der Kinder deutlich mehr eingeht, ihnen Dinge erklärt und nicht so autoritär auftritt wie in meiner Kindheit, wo man vor allem zu funktionieren hatte. Davon erzähle ich ja auch im Roman. Allerdings scheint die Entwicklung heutzutage oft ins andere Extrem zu kippen, weshalb ich mir einen gesunden Mittelweg wünsche, damit wir am Ende nicht lauter kleine Prinzen und Prinzessinnen großziehen.
Was sind Ihre weiteren Pläne als Schriftstellerin, arbeiten Sie bereits wieder an etwas?
Im Frühjahr erscheint der erste Band einer neue Kinderbuchreihe namens „Herwig und Elsie“ bei cbj. Ich habe es als Vorlesebuch gedacht, denn ich halte es für immens wichtig, dass Kindern vorgelesen wird, damit aus ihnen später einmal Leserinnen und Leser werden. Ich setze mich schon seit einigen Jahren dafür ein, dass mehr für die Sprach- und Leseförderung getan wird.
Aber ich denke natürlich auch schon über ein neues Buch im Erwachsenenbereich nach.
Möchten Sie Ihren Leser*innen noch etwas sagen, einen Gruß schicken?
Ich würde mich sehr freuen, sie auf meine Reise nach Indien mitnehmen zu dürfen.